Die Erleuchtung des Alfons Bilharz *  
 
 

In Alfons Bilharz’ eigenen Worten:

„Anfang März 1877 ritt ich in die Praxis eines Morgens langsam fürbass, als mir plötzlich
einfiel, die unermessliche physikalische Aufgabe löse sich, von innen gesehen, also im meta-
physischen, auf einmal.“
22

Er hat diese Vision noch oft auf jeweils andere Weise geschildert, beispielsweise so:

„Da traf mich ein Lichtstrahl aus himmlischen Höhn,
Ich glaubt’, in die Mitte der Erde zu sehn.
Der Lichtstrahl drehte mein Denken herum
Und wies mir der Wahrheit Heiligtum.
Die Wahrheit heißt nicht Denken gleich Sein, Nein,
Sein gleich Denken im schlichten Verein.
Sein geht vor Denken, so sei es gedreht,
Wenn schon das bei manchem von sich selbst versteht.
Gelöst ist das Band nun, der Irrtum entfloh,
Das Proton-Pseudos so siegesfroh.
Nun freu’ dich, o Welt, nun bist du befreit,
Nun hast du die Wahrheit für alle Zeit!“
23

Oder so:

„Es ist doch merkwürdig, daß die innige Vereinigung zweier gegensätzlicher Wesen Lustge-
fühle erzeugt. Wie? Erzeugt? Nein! Ist!! Im selben Augenblick glaubte ich, daß die Erde unter
mir muß sich spalten und mein Blick bis zu ihrem Mittelpunkt reichen zu sehen. Der ungeheuere
rechtwinkelige Abgrund, die Kluft der Gegensätze Denken und Sein war plötzlich überquert
worden, und ich wußte, daß mein Leben von Stund an sich ändern müsse. Das ist die haarkleine
genaue Schilderung des denkwürdigen Tages.“
24

Am 1. September 1878, zurück in Deutschland für ein neues Leben, entwickelte er zur
Überwindung der Kluft zwischen Geistes- und Naturwissenschaft eine erkenntnistheoreti-
sche Interpretation des Energieerhaltungssatzes. Er räumte dem Sein den Vorrang vor dem
Denken ein. Er versuchte Philosophie, streng getrennt von der Psychologie, als eine de-
duktiv aufgebaute, systematische Wissenschaft gegen die bloß empirisch-positivistisch
ausgerichteten Naturwissenschaften zu begründen. Romantischer Idealismus wollte sich
mit naturwissenschaftlichen Methoden und strenger Wissenschaftlichkeit verbinden, wo
gerade diese beiden Kulturen Ende des 19. Jahrhunderts berechtigt auseinandertraten.
„Sein so wenig beachtetes Erstlingswerk ‚Der heliozentrische Standpunkt der Weltbetrachtung.
Grundlegung einer wirklichen Naturphilosophie‘ hat möglicherweise Nietzsches Konzept von
der ewigen Wiederkehr und den Willen zur Macht erheblich beeinflußt. Es kann wahrscheinlich
gemacht werden, daß durch die Vermittlung Bilharz’ Nietzsche den Energieerhaltungssatz auf-
griff und für seine Konzeption verwendete.“ 25

Eugen Dühring, Schopenhauer und Kant sind seine Idole, bevor er sich eigene Gedan-
ken macht. Von 1882 bis 1907 war Bilharz Direktor des Landesspitals in Sigmaringen. Am
5.7.1894 erhielt er sein Patent als Sanitätsrat, und am 22.6.1907 bekommt er das Patent als
„Geheimer Sanitätsrat“ verliehen. Die Leitung mußte er 1907 wegen eines Augenleidens
aufgeben. Er hatte viele Neubauten initiiert und die Anstalt ständig modernisiert. Im Jahr
1882 lernte er in Sigmaringen seinen Freund und Mitarbeiter, den Mathematiker Portus
Dannegger kennen, der dafür sorgte, daß seine philosophischen Schriften nach und nach
erscheinen konnten. Bilharz wurde im weiteren ein Mitbegründer der patrimonialen Anstalts-
klassik. Er beschäftigte sich mit der Willens- und Handlungsfreiheit und behandelte be-
stimmte Kriminelle als Kranke.

 
   

20 PETER MARIA ROB (1988), S. 99.
21 Es gibt keinen Hinweis darauf, daß es sich um Angehörige der Religionsgemeinschaft der Hutterer handelt.
Allerdings sprechen die Bezeichnung „Kolonie“ und das Übersiedlungsdatum dafür.
22 Chronik der Bilharz, Eintrag von Alfons Bilharz, S. 40.
23 ALFONS BILHARZ, S. 3, in: Die Philosophie der Gegenwart in Selbstdarstellungen. Herausgegeben von Dr. Raymund Schmidt. Bd. 5. Felix Meiner: Leipzig 1924.
24 PETER MARIA ROB (1987), S. 81.

25 PETER MARIA ROB (1988), S. 99; Das Buch trug den Titel: Alfons Bilharz, Der heliocentrische Standpunct der Weltbetrachtung. Grundlegungen zu einer wirklichen Naturphilosophie. Stuttgart: J.G. Cotta 1879.
Indiz für die mögliche Korrektheit dieser Vermutung vgl. den Hinweis auf das Buch (S. 365) bei ALWIN MITTASCH, Friedrich Nietzsche als Naturphilosoph. Kröner: Stuttgart 1952. Allerdings hat sich Nietzsche auch mit Eugen Dühring, Helmholtz, Robert Mayer, DuBois-Reymond, Boscovich, Ludwig Büchner, Fechner, Mach, Moleschott, African Spir, Virchow, Lasswitz, Vogt und Zöllner u.v.a.m. sorgfältig beschäftigt, so daß eine Zuschreibung allein auf Alfons Bilharz keinerlei Überzeugungskraft besitzt. Die Lesespuren, Unterstreichungen und Randnotizen Nietzsches zu den Begriffen Energieerhaltung, Kraft, Kausalität, Auslösung, Selbstregulierung und Freiheit harren noch einer Analyse in den „Nietzsche-Studien“
(zumal Mittaschs Werk doch überholt erscheint). Vgl. auch ALWIN MITTASCH, Von der Chemie zur Philosophie. Ausgewählte Schriften und Vorträge. Robert Mayer, Schopenhauer, Nietzsche und J.R. Mayer, Nietzsche und die Naturwissenschaften des 19. Jahrhunderts, sein Verhältnis zu Emerson u.a. Ulm 1948.


* Hier handelt es sich um einen Auszug aus dem dem Werk "Gentzens Problem" von
Eckart Menzler-Trott, der mit freundlicher Genehmigung des Autors veröffentlicht wird. Alfons Bilharz war Arzt und Philosoph. Er war der Großvater des Mathematikers Gerhard Gentzen mütterlicherseits und Bruder von Theodor Bilharz, dem Erforscher der Bilharziose.

 

Menzler-Trott, Eckart, Freising-Weihenstephan, Deutschland

Gentzens Problem
Mathematische Logik im nationalsozialistischen Deutschland

Birkhäuser Verlag

2001. 429 Seiten. Gebunden
€ 43.– / CHF 65.–
ISBN 3-7643-6574-9

Cover
 

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