Geisteswissenschaften.                 Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 23.Juni 1999

 

Nun hatte ich endlich eine Theorie

Charles Darwins Erleuchtungserlebnis: Er entdeckt im Herbst des Jahre 1838 den Mechanismus der Auslese

Die plötzliche Evidenz eines neuen Gedankens durchschneidet den Zusammenhang mit allem, was ihn vorbereitet haben mag. Der Augenblick der Erleuchtung, das „Heureka"-Erlebnis, setzt einen Nullpunkt der Evidenz, von dem aus alles Vorhergehende als eine Vorgeschichte und alles Weitere als Folge einer momentanen Einsicht erscheint. Die Evidenz im Augenblick gleicht einer Konversion, und die Erzählungen von dem Geschehen dieses Augenblicks übernehmen die Dramaturgie der „conversio". Die Zweifel an der Authentizität des Erlebnisses, die durch den unwidersprechlichen Charakter des Berichts über die Erleuchtung provoziert werden, versuchen die Scheidung des Davor und Danach aufzuheben und die mythische Einkleidung zu durchbrechen. Die Zweifel an der Echtheit des Erlebnisses und an der Neuheit des Erkannten stellen die Kontinuität des Zeitverlaufs wieder her, die von der „conversio" gesprengt worden war. Daß sich die Wissenschaft mit solchen Erzählungen über nicht nachprüfbare Evidenzerlebnisse schwertun muß, liegt auf der Hand. Um so erstaunlicher ist, daß sich noch bis in unser Jahrhundert Wissenschaftler auf Erleuchtungserlebnisse berufen haben, ohne daß sie damit ein Plädoyer für mystische und irrationale „Wahrheiten" verbunden hätten.

Typischerweise ist mit der Erzählung von wissenschaftlichen Erleuchtungserlebnissen - bei Charles Darwin, William James, Sigmund Freud, Wilhelm Ostwald, Edmund Husserl - keine Ermäßigung des Wahrheitsanspruchs oder des wissenschaftlichen Wertes dieser Evidenzerlebnisse verbunden. Es werden vielmehr bestimmte Einsichten dadurch hervorgehoben, die in der intellektuellen Biographie des Autors, aber auch im Denken der Zeit wie eine Wasserscheide wirken. Eine andere Metapher dafür ist die vom „Durchbruch", der in einem bestimmten Augenblick gelungen sei. Von da an ist im Rückblick wie im Vorblick alles anders. So erklärt sich, daß oft genug die Erzählung des Ereignisses erst in einem gewissen Abstand von diesem formuliert wird, nachdem außer Zweifel steht, daß sich das Erleuchtungserlebnis in der Wirklichkeit bestätigt hat. Die Erzählung besiegelt nur noch, was vor aller Augen liegt, und versichert den Urheber der neuen Einsicht seiner Autorschaft.

So hat Charles Darwin den Augenblick, in dem ihm der zentrale Gedanke seines Lebenswerks - der Mechanismus der „natural selection". der natürlichen Auslese - evident wurde, erst gegen Ende seines Lebens aufgezeichnet. Das geschah in seiner „Autobiographie" am Anfang der siebziger Jahre. Es handelt sich um nicht mehr als einen Absatz in dieser knappen Schilderung seines Lebens, die nicht für die Öffentlichkeit, sondern für einen familiären Gebrauch und für seine Enkelkinder bestimmt war. In dieser autobiographischen Skizze bedient sich Darwin nun unübersehbar der Form eines Erleuchtungserlebnisses. Zu dessen Minimalbestand gehört der Bericht, daß eine überwältigende Einsicht durch einen scheinbar unbedeutenden Anlaß ausgelöst wird. Meist handelt es sich um etwas, was prinzipiell jedermann zugänglich ist oder offen zutage liegt und in einem anderen Augenblick auch bei dem Betreffenden selbst vielleicht keine vergleichbare Wirkung gehabt hätte.

Vom Typus eines solchen Erleuchtungserlebnisses ist auch die Schilderung, die Charles Darwin über den Augenblick hinterlassen hat, in dem ihm seine „Theorie" klar wurde. Allerdings werden hier Dramatik und Gefühlsüberschwang subtrahiert. Nur noch ein Gerippe des Erlebnisses bleibt übrig: „Im Oktober 1838. also fünfzehn Monate nachdem ich meine systematische Forschung begonnen hatte, las ich zu meiner Unterhaltung das Buch von Malthus ,On Population', und da ich aus meiner langen Beobachtung der Gewohnheiten von Pflanzen und Tieren gut vorbereitet war. den Kampf ums Dasein zu würdigen, der überall vorkommt, ging es mir blitzartig auf. daß unter diesen Umständen vorteilhafte Abänderungen bewahrt und unvorteilhafte vernichtet würden. Das Ergebnis von alldem würde die Bildung neuer Arten sein. „Nun hatte ich endlich eine Theorie bekommen, mit der ich arbeiten konnte."

Es ist übrigens das einzige Mal, daß Darwin sich über dieses „Heureka"-Erlebnis geäußert hat, während sich seine Malthus-Lektüre in seinen Notizheften und in Briefen durchaus niederschlug. In seinem „D Notebook" beispielsweise schreibt er unter dem Eindruck seiner Malthus-Lektüre: „Wenn zwei Menschenrassen aufeinanderstoßen, dann verhalten sie sich genau wie zwei Tierarten: Sie bekämpfen und fressen einander, bringen Krankheiten übereinander usw. Aber dann folgt das noch erbittertere Ringen, nämlich darum, wer die am besten angepaßte Organisationsform oder entsprechenden Instinkte (d. h. menschlichen Intellekt) hat." Daß hier eine intensive Auseinandersetzung mit dem berüchtigten Autor der Bevölkerungstheorie im Gang ist, merkt man wohl. Aber von einer besonderen emotionalen Teilnahme keine Spur.

Wir wissen über diese Malthus-Lektüre beispielsweise, daß Darwin sie am 28. September 1838 begann und am 2. Oktober beendete. Der Versuch, in diesem Zeitraum in den „Notebooks" eine Aufzeichnung zu entdecken, in der sich jenes Erlebnis in der einen oder anderen Form ausgedrückt fände, ist zum Scheitern verurteilt. Denn für diesen Zeitraum besteht eine Lücke zwischen „Notebook M" und „Notebook N", die Darwin im Jahre 1838 fortlaufend benutzt. Das erste beginnt mit einem Eintrag vom 15. Juli 1838 und endet mit dem 23. September. Auf der inneren Umschlagseite hat Darwin notiert, daß er am 16. Dezember 1856 daraus „ausgewählt" habe, wobei man nicht sagen kann, ob er damals, als er an seinem Manuskript über die Entstehung der Arten arbeitete - das drei Jahre später erschienene berühmte Buch „On the Origin of  Species" wird nur eine komprimierte Version des ursprünglichen Buchplans sein -. etwa auch ganze Seiten aus dem Heft herausgelöst hat. Weiter findet sich auf der Innenseite des Umschlags über der Bemerkung „Dieses Heft voll von Metaphysik und Moral & Spekulationen über Ausdruck 1838" die Notiz: „Privat. Beendet 2. Oktober". Hier taucht ein Datum auf. an dem, anderen Quellen zufolge, die Malthus-Lektüre beendet sein sollte. Wenn dieses Datum nicht irrtümlich hierher gesetzt wurde, sondern das ursprüngliche Ende des Notizheftes M bezeichnete, so müßten auf den nicht" mehr auffindbaren Seiten, wenn irgendwo, Spuren des „Heureka" zu  finden gewesen sein.

Arn 2. Oktober macht Darwin die erste Eintragung in dem Notizbuch mit dem Kennzeichen „N". Unter dem 4. Oktober findet sich dort denn auch eine Bemerkung zu Malthus, die aber ganz im Rahmen der sonstigen „psychologischen" Beobachtungen zu bleiben scheint: „Malthus über Bevölkerung, S. 32. Ursprung der Keuschheit bei Frauen. Über den Wunsch, ein Weib zu ernähren, als vorherrschenden Trieb. Buch IV, Kap. I über Leidenschaften der Menschheit, daß sie ihr wirklichen Nutzen bringen: Dies muß untersucht werden, bevor ich mir eine Meinung über den Ursprung der bösen Leidenschaften bilde." Also wieder nichts über die von Malthus ausgelösten Einsichten. Immerhin ist ein Zusammenhang mit dem Mechanismus der Auslese hier insofern spürbar, als Darwin die These, daß die Leidenschaften einen Nutzen für die Menschheit bringen, begrüßt. Denn dies wäre der Beweis, daß etwas scheinbar ganz im Bereich des Individuums Liegendes einen „Nutzen" für die Art hat. Aber Darwin versieht die These von Malthus auch mit einem Fragezeichen. Denn wie soll man dann den Ursprung der bösen Leidenschaften erklären?

Während man also nichts von jener Emphase spürt, mit der Darwin seine Malthus-Lektüre später ausgezeichnet hat. wird sie wenig später gegenüber Auguste Comte, dem Philosophen des Positivismus, lebhaft geäußert. Comtes Wissenschaftsphilosophie hatte Darwin im gleichen Zeitraum durch einen umfangreichen Zeitschriftenaufsatz kennengelernt. „Großartiger Gedanke!", heißt es zu Comtes These, daß man im theologischen Stadium der menschlichen Erkenntnis in Analogien gedacht habe. Weitere Äußeruncen Darwins in den Notizheften und in seinen Briefen bekräftigen den Eindruck. daß die Begegnung mit der Philosophie Comtes ihn entscheidend gefördert hat. Nach diesen Äußerungen wäre Comte vielleicht der geeignetere Anwärter auf die. Rolle, die Darwin Malthus zugesprochen hat. In Wahrheit ist die Entstehungsgeschichte der Darwinschen Theorie auch deswegen, weil sie ungewöhnlich gut dokumentiert ist, ein kompliziertes Geflecht aus Einfüllen. Experimenten. Lektüren, die in ihrem Beitrag zu dem. was er „meine Theorie" nennt, gewichtet werden wollen. Seit der Publikation der „Notebooks" in den sechziger Jahren hat es eine ganze Reihe von Detailstudien über die Genese der Theorie gegeben, deren Bilanz allerdings noch nicht gezogen wurde.

Dies alles wirft natürlich die Frage auf, wozu Darwin die Erzählung seines Erleuchtungserlehnisses brauchte, es sei denn, sie war bloß als eine Erzählung zu Nutz und Frommen seiner Enkelkinder gedacht gewesen. Aber sie paßt gut zu der Rolle, die Darwin seit der Veröffentlichung seines Hauptwerks „The Origin of  Species" in der Wissenschaft seiner Zeit spielte. Schon zu Lebzeiten war er ein Heros der neuen fortschrittlichen Wissenschaft, beispielsweise für Karl Marx wie für Sigmund Freud. Der zeitgenössische „Erfolg" von Darwins Theorie war legendär und ihr Autor ein Held. Ein Autor dieses Ranges konnte und durfte sich ein Erleuchtungserlebnis zueignen.

Man darf bei der Frage nach der Funktion von Heureka-Erlebnissen nicht vergessen, welche Bedeutung die durch sie geleistete Authentisierung im Zusammenhang mit Prioritätsfragen hat. Prioritätsstreitigkeiten haben auch die Erfolgsgeschichte von Darwins Theorie begleitet und werden auch noch heute diskutiert. Darwin hatte lange gezögert, seine Entdeckung zu publizieren. Seitdem er nach seinem eigenen Zeugnis etwa im Juli 1837 seine „systematic inquiry" begonnen hatte, durchlebte er einen kaum unterbrochenen Zustand geistiger Hochspannung, der seinen Niederschlag in seinen Notizheften fand. Am Ende dieser Periode hat er seine Erkenntnisse über die Entstehung der Arten in einer Skizze, dem „Entwurf von 1842". niedergelegt und in seinem Schreibtisch verschlossen, um sich zunächst anderen Arbeiten zuzuwenden.

Dieses Manuskript von dreißig Seiten war alles, was Darwin vorweisen konnte, um seine Entdeckungen zu beweisen und zu datieren. In den fünfziger Jahren machte er sich an eine umfangreiche Ausarbeitung seiner Theorie, wobei eine Veröffentlichung noch nicht abzusehen war. Als er nun am 18. Juni 1858 zwanzig Manuskriptseiten aus der Südsee erhielt, auf denen ein ihm völlig unbekannter Forscher dieselbe Entdeckung darlegte, war eine schwierige Lage entstanden. Alfred Wallace hatte völlig unabhängig von Darwin den Mechanismus der .Selektion entdeckt und überzeugend dargelegt. Darwin schrieb damals an den Geologen Charles Lyell: „Wenn Wallace meinen handschriftlichen Entwurf von 1842 besäße, hätte er kein besseres Resümee anfertigen können." Zu einem öffentlichen Streit über die Priorität ist es nicht gekommen, da Wallace,  über Darwins Lage in Kenntnis gesetzt, diesem generös den Vortritt ließ.

Daß die gleichen Entdeckungen mehrfach gemacht werden, ist nicht so erstaunlich, wie es scheinen könnte. Es ist in der Wissenschaftsgeschichte vielfach belegt, daß die „multiple discoveries" (Robert K. Merton) eher die Regel als die Ausnahme sind. Dadurch entsteht natürlich ein zusätzlicher Authentisierungsdruck. Eine so lange Wartezeit einer in ihrer revolutionären Bedeutung unverkennbaren Theorie barg schon zur Zeit Darwins ein großes Risiko. Heute wäre eine solche Publikationsscheu verhängnisvoll. Durch die Beschleunigung der Forschungsprozesse ist die Klärung von Prioritätsfragen heute zu einer institutionell abgesicherten Prozedur geworden und eine Routineangelegenheit. Die Authentisierung durch ein Erleuchtungserlebnis ist damit obsolet geworden.

HENNING RITTER

Der Autor ist Chefredakteur der Redaktion Geisteswissenschaften der FAZ

 

Darwin, gesehen von Richmond George 1840                                          Foto ©English Heritage

Literaturempfehlung: Henning Ritter: Charles Darwin - Sind Affen Rechtshänder?" - Notizhefte M und N und die 'Biographische Skizze eines Kindes' - ,  Berlin 1998; Friedenauer Presse Berlin, Katharina Wagenbach-Wolff, Carmerstr.10, 10623 Berlin

 

 

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